PhV-Sonderpreis geht ans Gymnasium in Schweich

Am 20. Mai 2026 fand der Bundeswettbewerb Fremdsprachen wieder im Kürfürstlichen Palais in Trier statt. Der Bildungsreferent des Philologenverbands bedankte sich in seiner Ansprache bei den Veranstaltern, den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern und bei deren betreuenden Lehrkräften für die Mitwirkung am Wettbewerb und überreichte den mit 100 € dotierten PhV-Sonderpreis an Jonathan Asfaw vom Stefan-Andres-Gymnasium in Schweich für herausragende Leistungen im Fach Englisch.

Lesen Sie hier Auszüge aus dem Grußwort:

Liebe Schülerinnen und Schüler,

(…) ihr habt euch bei einer Videoproduktion damit beschäftigt, wie es wäre, wenn die Dinge um uns herum sprechen könnten. Wie wäre es, wenn das Stofftier aus Kinderzeiten, der alte Globus im Klassenraum oder das Bild hinter mir an der Wand sprechen könnten? Was würden sie uns erzählen? Vielleicht Erlebnisse des Lebens, in denen Trost und Zuwendung wichtig waren, Geschichten aus fernen Ländern oder Anekdoten eines Kurfürsten aus der Barockzeit? Manches sagen sie uns schon aufgrund ihrer bloßen Präsenz, aber wie viel mehr würde uns erst durch Sprache offenbar werden?

Dass Dinge sprechen können, ist in unserer Zeit nicht mehr nur Phantasie, sondern das ist bereits Realität geworden: Der digitale Übersetzungshelfer beispielsweise begegnet uns in unserem Laptop oder in anderen Geräten. Er beeinflusst heute das Sprachenlernen. – Drei kurze Gedanken hierzu:

Erstens: KI generierte Übersetzungen geben schnelle Orientierung im Lernprozess, bieten Wortvorschläge oder Grammatikhinweise. Ziel darf es aber nicht sein, das Lernen zu umgehen, sondern vielmehr mit Hilfe von KI zu erleichtern.

Zweitens: Digitale Übersetzer sind als Dolmetscher gut zu gebrauchen im Bereich denotativer Bedeutungen. Die zwischenmenschliche Kommunikation verlangt aber mehr, sie erfasst auch konnotativ, berücksichtigt Stil, Tonfall, kulturelle Feinheiten oder enthält Humor.

Drittens: Sprache wird durch Praxis lebendig. KI-Feedback kann zwar inzwischen auch Hinweise zur Aussprache oder Satzmelodie geben; machen wir uns gleichzeitig aber bewusst, wie wichtig Zuhören im Kommunikationsprozess ist, wie wichtig es ist, darauf zu achten, wie andere reagieren, welche Informationen ihr Gesicht, ihre Stimme, ihre Gestik tragen.

Sprache ist mehr als Wörter; sie ist kulturelle Brücke. Jedes Mal, wenn wir eine neue Sprache lernen, blicken wir aus einer anderen Perspektive auf die Welt, öffnen sich Türen zu anderen Kulturen, zu Nuancen in Humor und Höflichkeit, zu Erfahrungen, die in unserer Muttersprache oft unausgesprochen bleiben. Schließlich sollten wir auch nicht vergessen, dass persönliche Kommunikation Mut braucht: den Mut, sich auszudrücken, Fehler zu riskieren, zu fragen, zu wiederholen. Wenn Dinge sprechen könnten, würden sie uns vermutlich genau das sagen: Übe weiter, frage nach, höre zu – und bleibe neugierig. (…)

Den Sonderpreis des Philologenverbands für herausragende Leistungen im Fach Französisch überreichte Bildungsreferent Ralf Hoffmann am 19. Juni am Lina-Hilger-Gymnasium in Bad Kreuznach. Er ging in diesem Jahr an Mia Simon vom Otto-Schott-Gymnasium in Mainz.

Forderungen zur Beschulung von Flüchtlingskindern

Die Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund muss deutschlandweit standardisiert werden. Das ist unter anderem aufgrund der weiterhin großen Zahl von Flüchtlingen aus der Ukraine, die der russische Angriffskrieg auch nach Deutschland treibt, erforderlich.

Dabei muss der Erwerb der deutschen Sprache in Intensivkursen in den ersten beiden Jahren absolute Priorität haben. Diese Kurse sollten als Willkommensklassen flächendeckend angeboten werden. In ihnen sind zu erreichende Mindestqualifikationen A1 A2 und B1 in Orientierung am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) innerhalb eines Jahres zu überprüfen. Der Übergang in den Regelunterricht einer allgemeinbildenden Schule in Deutschland muss vom Erreichen dieser Standards abhängig gemacht werden.

Für eine Laufbahn am Gymnasiums ist auf der Grundlage weiteren Deutsch-Förderunterrichts zumindest das Erreichen des Sprachniveaus B 2 erforderlich. Für die primäre Aufgabe, die deutsche Sprache zu lehren, müssen zusätzliche personelle Ressourcen geschaffen werden.

Die Hinführung zu Schulabschlüssen ist ein weiteres existenzielles Ziel: Die Anerkennung bereits im Herkunftsland erreichter Schulabschlüsse sollte deutschlandweit einheitlich erfolgen und kann dazu führen, die Migrantenkinder - alternativ zu einer weiteren schulischen Laufbahn in Deutschland - nach dem Erwerb von Grundkenntnissen in der deutschen Sprache schneller in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Diejenigen, die in Deutschland den Abschluss der Berufsreife oder den qualifizierten Sekundarabschluss I anstreben oder einen Bildungsweg wünschen, der in die Sekundarstufe II führt, sollten nicht an einer zusätzlichen Fremdsprache scheitern. Insofern wäre es gut, wenn über Feststellungsprüfungen eine Qualifikation in der Herkunftssprache anerkannt würde, welche dann eine im deutschen Schulsystem geforderte zweite Fremdsprache ersetzen könnte.

Mit einer Verständigungsmöglichkeit in deutscher Sprache kann Integration in den Regelunterricht an unseren Schulen und in unsere Gesellschaft gelingen. Für die enorme Integrationsaufgabe braucht es Entlastung für alle Lehrkräfte, die mit den Herausforderungen einer individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund betraut werden.

Zeitgemäße Bildung: Im Gespräch mit Mathias Brodkorb

Zeitgemäße Bildung: Im Gespräch mit Mathias Brodkorb

Mathias Brodkorb war für die SPD zwischen 2011 und 2016 Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern und danach dort von 2016 bis 2019 Finanzminister. Ihn konnte der Bildungspolitische Ausschuss im Deutschen Philologenverband (DPhV) als Gesprächspartner zu der Fragestellung „Welche Art von Bildung brauchen wir heute?“ gewinnen. Bei diversen Aspekten war große Übereinstimmung festzustellen:

Kompetenzorientierung

Kompetenzorientierung ist keine Errungenschaft der letzten 20 Jahre, sondern bereits Wilhelm von Humboldt sprach 1784 davon, dass Lernen gelernt werden müsse. Allerdings hätte im 18. Jahrhundert niemand behauptet, traditionell als relevant festgestellte Fachinhalte wären beliebig oder austauschbar. Heutzutage werden mit der zunehmenden nicht evidenz-, sondern menschenbildbasierten Fokussierung auf den Kompetenzerwerb solche Inhalte z. B. in Lehrplänen an den Rand gedrängt, wenn sie nicht sogar ganz verschwinden. Gleichzeitig stellen wir in den IQB-Studien oder bei PISA fest, dass wir immer schlechter werden. Pädagogische Konzeptänderungen sind also nicht unbedingt zielführend.

Selbstgesteuertes Lernen

Mit den Aussagen „Bildung gibt es nicht ohne Anstrengung“ und „Erkenntnisfortschritt ist Lustgewinn“ regte Brodkorb die Diskussion an. Die Mehrheitsmeinung: Schülerinnen und Schüler tendieren meistens dazu, den einfachsten Weg zu wählen. Eine Selbstbedienungsmentalität an Lerntheken erscheint deswegen problematisch. Kinder und Jugendliche lernen bei Instruktion am meisten, nicht wenn sie sich selbst überlassen werden. Die Lehrkraft darf nicht zur Lernbegleiterin degradiert werden, sondern muss ihre Expertise und ihre Leidenschaft für ihr Fach vorzeigen dürfen. Nach Manfred Spitzer (u. a. in „Medizin für die Bildung“) kommt darüber hinaus Aktivität, Wiederholung und Lernen von etwas Allgemeinem mithilfe konkreter Beispiele erhebliche Bedeutung zu.

„Wunderwaffe“ Digitalisierung

Nimmt man John Hatties Metastudie „Visible Learning“ ernst, so stellt man fest, dass Einflussgrößen, die im Zusammenhang mit Digitalisierung stehen, durchweg nur geringe Effektstärken auf den Lernerfolg erzielen (Computerunterstützung 0,37, webbasiertes Lernen 0,18, Fernunterricht 0,09), wohingegen es auf die Lehrkraft ankommt (Klarheit der Lehrperson 0,75, Lehrer-Schüler-Beziehung 0,72, Lehrerfort- und -weiterbildung 0,62). Digitales kann von daher nur als methodisches Hilfsmittel verstanden werden, nicht als grundsätzliche Alternative zum persönlichen Gegenüber. Daher auch Brodkorbs Plädoyer für Kita und Grundschule: Digitales hier komplett weglassen!

Wer eine Entmenschlichung des Lernens nicht will, der muss sich natürlich auch mit den Gefahren von Künstlicher Intelligenz beschäftigen.

Herkunft und soziale Gerechtigkeit

Nach Karl Marx bestimmt das Sein das Bewusstsein. Das könne man laut Brodkorb auch auf die Bildungschancen übertragen. Das Kind ist vom familiären Hintergrundund einer funktionierenden schulischen Umgebung abhängig, weil es dort förderliche oder eben weniger hilfreiche Umweltbedingungen für seine Intelligenzentwicklung vorfindet.

Allerdings müsse auch konstatiert werden, dass erblich bedingte Intelligenzunterschiede und Begabungen einen erheblichen Einfluss auf den Lernerfolg hätten.

Ein Fehler sei es, Gleichheit mit Gerechtigkeit gleichzusetzen. Eine Ergebnisgleichheit wäre nur auf niedrigstem Niveau erreichbar. Wenn man die These nachvollzieht, müsste es wieder stärker um die individuelle Förderung von Talenten gehen.

Ziele für eine nachhaltige Bildung

Den Mitgliedern des Bildungspolitischen Ausschusses waren abschließend die folgenden Bildungswerte besonders wichtig:

  • Wertschätzung von Berufs- und Studienorientierung
  • Wissensvermittlung in Orientierung an den Fachwissenschaften als Grundlage für eine vertiefte Allgemeinbildung als Querschnittsaufgabe
  • Qualifizierung als Grundlage für den Erwerb von materiellem Wohlstand und Sozialprestige
  • Ermöglichen von Persönlichkeitsentwicklung
  • Nutzung digitaler Möglichkeiten, aber keine Entmenschlichung des Lernens
  • Entwicklung ethisch-moralischer Vorstellungen
  • Befähigung, eigene Positionen und Bewertungen begründend vorzutragen

„Schule der Zukunft“ entpuppt sich als Phrase

Im Mittelpunkt der Frühjahrstagung des Bildungsausschusses stand am 11. April in Mainz die Initiative „Schule der Zukunft“. Als externer Gast war Dr. Jens Kemper, Schulleiter am staatlichen Eifel-Gymnasium in Neuerburg, eingeladen, um über Motivation und Aktivitäten seiner an der Initiative teilnehmenden Schule zu berichten.

Eifel-Gymnasium setzt auf Nachhaltigkeit

Laut Oberstudiendirektor Kemper werden die 2.000 Euro, die seinem Gymnasium in Neuerburg für 2023 als Zuschuss bewilligt worden sind, in verschiedenen Bereichen investiert: Insgesamt geht es darum, Umwelt nachhaltig zu gestalten.

Dazu gehört die Schulung von Umweltscouts, die sich im Klassenverband mit dem Umgang mit endlichen Ressourcen und mit Energiesparen beschäftigen. Die praktischen Folgen sind Pflanzaktionen für eine grünere Umwelt, die Einführung eines neuen Mülltrennsystems und die Gründung einer Klima-AG. Im Fokus steht auch eine gesündere Ernährung mit der Einführung von regionalen, Fair-Trade-Produkten und Honig aus der Schulimkerei am Schulkiosk.

Zukunftspotential sieht Kemper in der Nutzung von alternativen Energien, er könne sich dies vorstellten im Zuge einer Sanierung des Internatsgebäudes, das noch immer mit unzeitgemäßen Gemeinschaftsnassräumen ausgestattet sei.

Auch darüber hinaus hat die Schulgemeinschaft viele kreative Ideen in puncto Umwelt- und Klimaschutz entwickelt.

 „Town-Hall“ – Inputs sind dagegen äußerst problematisch

Ganz anders die Stoßrichtung der bisherigen Town-Hall-Veranstaltungen. Mit den Referentinnen und Referenten - vom Ministerium für Bildung ausgewählt und bezahlt - haben sich Cornelia Schwartz, Horst Wittig und Ralf Hoffmann auseinandergesetzt:

Folgte man dem, was jene von sich geben, würde man …

  • das Unterrichten in Klassenräumen abschaffen und stattdessen Wände herausreißen und „Lernlandschaften“ im Stil von Großraumbüros schaffen,
  • Lehrerinnen und Lehrer an ihrer bisherigen fachlich professionellen Arbeit aktiv hindern und sie zu „Lernbegleitern“ machen,
  • die Schulfächer abschaffen und an ihrer Stelle Workshops etablieren, die die Schülerinnen und Schüler je nach Interesse und Spaßfaktor wählen,
  • Lehrkräften, die Bedenken äußern und sich den neuen Ideen argumentativ entgegenstellen, Faulheit unterstellen oder sie gar zum Verlassen der Schule nötigen.

 

Der Kommentar

Was bei „Schule der Zukunft“ auf dem Spiel steht

Die gymnasiale Bildung des 20. Jahrhunderts, die zur Studierfähigkeit hingeführt und viele erfolgreiche Karrieren ermöglicht hat, scheint im 21. Jahrhundert immer weniger gefragt zu sein. Stattdessen wird ein egoistischer Individualismus gefördert, der eine Spaßgesellschaft propagiert. Wie sich in diesem Kontext die geplante Legalisierung von Drogen auf die Schulen auswirken wird, steht noch in den Sternen. Leistungsbereitschaft wird jedenfalls nicht mehr gefördert. Das muss dazu führen, dass Deutschland als international anerkannter Bildungs- und Wirtschaftsstandort abgehängt werden und nicht mehr konkurrenzfähig sein wird.

Bei der Degradierung von Studienrätinnen und Studienräten zu „Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern“, die nicht mehr auf der eigenen Profession und Erfahrung basierende Lernimpulse setzen, sondern Kinder und Jugendliche sich selbst aussuchen lassen, womit jene sich beschäftigen wollen, werden alle bislang als relevant eingestuften Inhalte austauschbar. Wissensvermittlung wird nicht mehr als ein wesentliches Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung gesehen, sondern wichtiger erscheinen eine möglicherweise sehr emotionale Steuerung von Kindern und Jugendlichen durch eine eher kameradschaftliche Begleitung. Dass uns unsere Schülerinnen und Schüler am Herzen liegen, ist klar, aber gleichzeitig ist eben auch sowohl zu deren Schutz als auch zu dem der Lehrkräfte eine professionelle Distanz notwendig.

Eine Schulstrukturreform, die so durchgeführt wird, wie vom Hauptreferenten der „Town Hall“ in Trier, Thomas C. Ferber (Schulleiter der Richtsbergschule im hessischen Marburg), propagiert, geht diktatorisch vor, und zwar nach dessen Motto „Konsequenz statt Konsens“. Ein undemokratisches Procedere bei Schulentwicklungsprozessen ist in Rheinland-Pfalz aber bislang nicht vorgesehen, sondern eine Einbindung aller am Schulleben Beteiligten.

Teilnahme an der Initiative des Landes?

Nach fünf Town-Hall-Veranstaltungen ist die Bezeichnung „Schule der Zukunft“ verbrannt. Die schönen Worte stehen bestenfalls für eine populistische Vermarktung rheinland-pfälzischer Bildungspolitik, schlimmstenfalls aber sind sie ein Euphemismus, der die  Absicht einer Schulstrukturrevolution verschleiern soll.

Am besten agieren die Schulleiterinnen und Schulleiter, deren Motivation es ist, die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel des Landes abzuschöpfen für sinnvolle Initiativen vor Ort. Best-Practice-Beispiele gibt es an unseren Schulen genug, wenn man sich nur umschaut. Dafür braucht es keine medienwirksamen, aber Kosten generierenden „Town Halls“.

Mehr denn je gilt: Auf die demokratisch gesinnte und mit gesundem Menschenverstand ausgestattete Schulleitung vor Ort kommt es an, um Schule nachhaltig und modern zu gestalten.

Wie das Abitur in Rheinland-Pfalz krank macht

Die Hilferufe von Lehrkräften beziehungsweise ihrer Interessenvertretungen scheinen seit einigen Monaten im Ministerium für Bildung völlig überhört zu werden. Es ist an der Basis frustrierend, dass hier offenbar niemand in der Dauerbelastung gerade der Gymnasiallehrerinnen und -lehrer ein ernstes Problem erkennt.

Permanentes Ignorieren der Infektionsgefahr an den Schulen

Nach zwei Jahren Pandemie verlautbart das Ministerium noch immer, Schulen seien die sichersten Orte überhaupt. Infektionen fänden hier kaum statt, sondern würden von außen in die Schulen hineingetragen. Immer wieder lässt man sich für dieses Credo die gewünschte Bestätigung von wenigen handverlesenen Professoren geben. So muss man schließlich nicht investieren: Nicht in zusätzliches Personal, das man einstellen müsste, würde man Lerngruppen verkleinern, um die vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Mindestabstände einhalten zu können, nicht in Luftreinigungsgeräte und über lange Phasen auch nicht in Corona-Schnelltests. Bis Dezember 2021 galt zum Beispiel, dass aus Kostengründen nur die ungeimpften Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte die zur Verfügung gestellten Selbsttests erhalten durften. Da in der Oberstufe sowie in den Klassenstufen 9 und 10 zu diesem Zeitpunkt aber die allermeisten Schülerinnen und Schüler bereits geimpft waren, wurden sie kaum noch getestet. So verwundert es nicht, wenn die Testung meist zu Hause und eher selten an der Schule zu dem Ergebnis kam: Corona positiv! Immerhin bewirkte eine konzertierte Empörung von Eltern-, Schüler-, und Lehrkräftevertretung die Änderung, dass man auf Antrag an Schulen nun freiwillig testen darf, auch wenn man bereits geimpft ist. Aber welche Prüflinge stellen schon einen solchen Antrag, wenn sie Gefahr laufen, in Quarantäne zu müssen und nicht an der schriftlichen Abiturprüfung teilnehmen zu dürfen? Sicherlich nicht die symptomfreien! Von einer hohen Dunkelziffer bei den Infektionen an unseren Gymnasien muss deshalb in diesem Zusammenhang ausgegangen werden.

Kräfteverschleiß bei der Neukonzeption der Abiturprüfungen

Nebenbei bemerkt: Nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern natürlich auch die Lehrkräfte, die mit der Durchführung des Abiturs zu tun gehabt haben, hatten gar kein Interesse, Licht in das eben beschriebene Dunkel zu bringen. Und trotzdem: Im Vergleich zu 2021 gab es im Jahr 2022 mehr mit Corona infizierte Prüflinge, die das Abitur nicht sofort mitschreiben konnten, sondern für die Nachprüfungen anberaumt werden mussten. Schon vor der Corona-Krise hat der Philologenverband mit Hinweis auf die oftmals problematische Witterung im Monat Januar eine Terminierung des schriftlichen Abiturs in den Monaten Mai oder Juni gefordert. In der Pandemie kommt das wesentlich schwerwiegendere Argument der Hauptinfektionszeit im Winter hinzu. Auch hier verschließt sich die Landesregierung völlig, denn eine Verschiebung würde ja mit der Rückkehr zu 13 vollen Schuljahren an den G9-Gymnasien die Abschaffung der bundesweit einzigartig ausbeuterischen „Abitur-Vorhaltestunde“ bedeuten; ersatzweise müssten neue Lehrkräfte eingestellt werden. Stattdessen kann man ohne eine solche Maßnahme im Haushalt bei den Beamtengehältern sogar 2,3 Millionen Euro im Jahr 2022 einsparen (Einzelplan 09 23, Titel 422 01). Wir hatten als Verband gefordert, dass bei dem zu erwartenden Mehr an Nachschreibeterminen die Prüferinnen und Prüfer zumindest temporär entlastet werden müssen, zum Beispiel mittels eines Aufgabenpools, aus dem für einen solchen Fall Abiturklausuren entnommen werden können. Passiert ist in den letzten fünf Jahren aber offensichtlich nichts: Alles an die Schulen zu delegieren ist eben einfacher. Und so wurde das schriftliche Abitur 2022 zu einer Zumutung für die von zusätzlichen Nachschreibterminen betroffenen Lehrkräfte, zu einem beispiellosen Stresstest, der jede Fürsorgepflicht des Dienstherrn vermissen lässt und der letztlich krank macht. Bis zu vier Klausuren mussten binnen weniger Tage neu konzipiert und eingereicht werden: Aufgabenstellungen, Materialien, Erwartungshorizonte, Formblätter – nicht selten 40 Seiten und mehr.Entgegen kommen des Ministeriums? - Nur der Hinweis auf die Gewährung eines möglichen Korrekturtages seitens der Schulleitung; nicht neu, weil schon vor Jahren vom Philologenverband ausgehandelt. Kaum wirkliche Hilfen also: Die Anzahl der einzureichenden Klausurvorschläge wurde nicht reduziert - man bestand für die Nachschreibklausuren sogar auf der „Papierkorbklausur“, die man aus den eingereichten Vorschlägen seitens der Abiturauswahlkommission anschließend entnahm. Schikane - oder traut man Gymnasiallehrkräften nicht mehr zu, dass sie ihre Arbeit ordentlich erledigen? Der Gipfel der Zumutung: Im Fach Deutsch gab es keinen Ersatz für die zentral gestellte Klausur. Womit die Deutschlehrkraft in den vergangenen Jahren nichts zu tun hatte, wurde ihr im Pandemiestress noch obendrauf gepackt.

Dauerstress macht krank und Beihilfe kostet …

Der Landeshaushalt sieht für das Jahr 2022 (Einzelplan 09 19, Titel 441 12) Beihilfeausgaben für alle Lehrkräfte von 132,9 Millionen Euro vor – eine Steigerung um rund 6,2 Millionen Euro oder knapp fünf Prozent binnen eines Jahres. Langsam aber sicher verfestigt sich der Eindruck, dass die Landesregierung lieber eine Steigerung krankheitsbedingter Kosten beim Lehrpersonal einkalkuliert, anstatt Lehrerinnen und Lehrer in vielerlei Hinsicht zu entlasten und damit in Qualitätssicherung zu investieren.

Sonderpreise bei Fremdsprachenwettbewerben überreicht

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Der Philologenverband Rheinland-Pfalz vergab auch in diesem Jahr wieder seine mit jeweils 250 Euro dotierten Sonderpreise bei den Bundeswettbewerben Fremdsprachen in den Fächern Englisch und Französisch sowie beim altsprachlichen Wettbewerb „Certamen Rheno Palatinum“.

Die Förderung des Erlernens moderner Fremdsprachen ist heute mehr denn je relevant. Die Herkunftssprachen sind in Deutschland im Kontext von Migration, Flucht und Vertreibung vielfältiger geworden, und die Anstrengung, Sprachen zu erlernen, um sich kommunikativ Fremdem zu öffnen, ist eine größere Herausforderung als je zuvor. Eine Herausforderung für alle, die sich in Deutschland integrieren wollen, aber auch für alle, die Integrationshilfe leisten.

Unser Land sieht außer dem Deutschlernen für Zuwanderer auch einen Wert in der Pflege der Herkunftssprachen. Zu Griechisch, Albanisch oder Serbisch könnten bald Arabisch oder Persisch beim herkunftssprachlichen Unterricht hinzukommen.

Der herkunftssprachliche Unterricht ist aber nicht als Konkurrenz zu den klassischen ersten und zweiten Fremdsprachen an den Schulen zu verstehen, sondern als fakultatives, zusätzliches Angebot.

Den beiden Weltsprachen Englisch und Französisch kommt weiterhin eine herausragende Bedeutung zu; sie sind fest im deutschen Schulsystem verankert. Insbesondere das Englische hat auch für viele Flüchtlinge eine Brückenfunktion für das Erlernen der deutschen Sprache und damit für die Integration in Deutschland.

Wozu aber noch Latein oder gar Altgriechisch lernen? – Dieser Frage geht einerseits das in dieser Ausgabe des „Blick ins Gymnasium“ abgedruckte Grußwort zur Preisverleihung des PhV-Sonderpreises im Fach Latein nach, andererseits möchte ich aber anlässlich des 250. Geburtstages von Wilhelm von Humboldt zudem daran erinnern, dass Bildung nicht nur zweckgebunden konzipiert werden sollte, sondern auch persönlichkeitsorientiert.

Sprachen lernen bedeutet immer eine Kraftanstrengung und Herausforderung. Allen, die die Mühe auf sich genommen haben und noch auf sich nehmen werden, gebührt deswegen Dank, weil sie mit dem Lernen einer fremden Sprache einen wesentlichen Beitrag für ein tolerantes und friedvolles Miteinander leisten; den Veranstaltern der Wettbewerbe gebührt Dank, weil sie die entsprechende Motivation fördern.

Ein weiterer Dank geht auch an alle betreuenden Lehrkräfte, die sich immer wieder neu über den Unterricht hinaus für ihre Schülerinnen und Schüler engagieren.

Den Preisträgerinnen des vergangenen Schuljahres gratuliert der Philologenverband Rheinland-Pfalz herzlich:

Kathleen Bischoff, Priv. St. Franziskus-Gymnasium Kaiserslautern (Latein), Preisverleihung am 3. Mai 2017 im Koblenzer Rathaus,

Selina Dahler, Auguste-Victoria-Gymnasium Trier (Französisch), Preisverleihung am 24. Mai im Festsaal der ADD Trier,

Linda Kneib, Priv. Maria-Ward-Schule Mainz (Englisch), Preisverleihung am 2. Juni im Mainzer Otto-Schott-Gymnasium.

Letzte Hilfe – Wenn Kommerzialisierung Qualität zerstört

Bundesinnenministerium gefährdet solide Erste-Hilfe-Ausbildung

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent 

Seit 2013 will die Kultusministerkonferenz (KMK) eine Ausbildung in erster Hilfe im Rahmen des Schulunterrichtes, konkreter gesagt empfiehlt der 395. Schulausschuss der KMK das Üben der Reanimation im Umfang von zwei Unterrichtsstunden pro Schuljahr in den Klassenstufen 7 bis 10.

In diesem Kontext ist es grundsätzlich hilfreich, dass das Bundesministerium des Innern (BMI) über das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Ausbildung „Erste Hilfe mit Selbstschutzinhalten“ in der Art bezuschusst, dass sie für die Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 oder 10 kostenfrei angeboten werden kann und zudem noch eine Teilnahmebescheinigung erworben wird, die vor der Führerscheinprüfung verlangt wird.

BMI bedroht funktionierendes Netzwerk

Bis ins Jahr 2014 gingen die Bundesmittel in Rheinland-Pfalz an Hilfsorganisationen wie zuletzt an das Deutsche Rote Kreuz, die auf ehrenamtlicher Ebene eng mit vielen Schulen kooperieren. Dann die Wende: Die Wegnahme der finanziellen Förderung von den Hilfsorganisationen und die Zuweisung an einen privaten Anbieter, die Firma „Kurszeit“ in Duisburg. Diese Maßnahme erscheint nicht nur suspekt, sondern ist völlig unverantwortlich: Sie greift massiv ein funktionierendes Netzwerk zwischen Vereinen, Verbänden und Schulen an, das immer auf ehrenamtliches Engagement großen Wert gelegt hat. Malteser, Johanniter, Arbeiter-Samariter-Bund oder das Deutsche Rote Kreuz sind an vielen Schulen präsent, und zwar nicht nur, wenn es um die Erste-Hilfe-Ausbildung geht, sondern auch bei Sanitätseinsätzen bei schulischen Großveranstaltungen, im Bereich Krisenprävention oder bei der Förderung von Arbeitsgemeinschaften zum Beispiel in den Bereichen Schulsanitätsdienst und Streitschlichtung.

BMI fördert mangelhafte Kompetenzen

Die Unterweisung in erster Hilfe durch Ausbilder/-innen der Firma „Kurszeit“ hat sich wiederholt als methodisch und inhaltlich mangelhaft erwiesen, wie diverse Rückmeldungen ergeben haben:

Die Ausstattung der Ausbilder/-innen mit Materialien zwecks Veranschaulichung ist - offensichtlich aus kommerziellen Gründen - absolut unzureichend: Veranschaulichende Folien oder digitale Medien sind nicht vorhanden gewesen; stattdessen sind von den Schulen am Ausbildungsmorgen kurzfristig Kopien, Kreide oder Magnete erbeten worden.

In mehreren Fällen ist keine ausreichende Anzahl an Ausbildern geschickt worden, sodass die Größe der Lerngruppen aufgrund von Klassenzusammenlegungen teils auf über 35 gestiegen ist.

Viele Maßnahmen, die gezeigt worden sind, haben nur bedingt mit den von der Bundesarbeitsgemeinschaft Erste Hilfe erarbeiteten Lehraussagen zu tun, sondern müssen als äußerst problematisch eingestuft werden: Das falsch gezeigte Überstrecken des Kopfes von Bewusstlosen bei der Stabilen Seitenlage wäre im Ernstfall mit Sicherheit tödlich.

Studenten, die die Firma „Kurszeit“ im Schnelldurchgang zu Ausbildern schult, können logischerweise nicht ansatzweise die Expertise mitbringen, die die Repräsentanten der Hilfsorganisationen im Ausbildungsbereich anbieten.

BMI toleriert Gesundheitsgefährdung

Pro Lerngruppe ist die Beatmung am Phantom mit einer einzigen Maske durchgeführt worden. Das jedem Teilnehmer ausgeteilte, kostensparende Mundschutz-Vlies, ein 5-Cent-Artikel, schützt nicht vor gegenseitiger Ansteckung mit Infektionskrankheiten. Mit diesem Vorgehen werden sämtliche Desinfektionsvorschriften ignoriert und die Gefährdung der Gesundheit unserer Schülerinnen und Schüler billigend in Kauf genommen.

Mit Steuergeldern seriöse Anbieter und das Ehrenamt fördern

Im krassen Widerspruch zur Vergabe der Fördergelder an die private Firma „Kurszeit“ stehen die Verlautbarungen auf der Homepage des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Hier wird als Aufgabe ausdrücklich die Förderung des Ehrenamtes angepriesen und die Bedeutung der Hilfsorganisationen für den Zivil- und Katastrophenschutz wird gewürdigt.

Der Philologenverband Rheinland-Pfalz fordert die Landesregierung dazu auf, dafür Sorge zu tragen, dass das Bundesministerium des Inneren künftig wieder etablierte Hilfsorganisationen mit der Ausbildung in „Erste Hilfe mit Selbstschutzinhalten“ beauftragt; die Firma „Kurszeit“ weiterhin an unseren Schulen agieren zu lassen, wäre jedenfalls völlig unverantwortlich.

Perspektiven bei der Beschulung von Flüchtlingskindern

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Auf der Tagung des Bildungsausschusses des Philologenverbands am 24. April 2017 in Mainz präsentierte die Leiterin der Gymnasialabteilung beim Ministerium für Bildung, MinDg´ Barbara Mathea, zunächst aktuelle Zahlen für Rheinland-Pfalz: Rund 20.000 Asylbegehrende wurden im Zeitraum von Januar 2016 bis Juni 2017 dem Land zugewiesen (zuletzt etwa 700 monatlich); darunter sind etwa 1.900 schulpflichtige Jungen und 1.200 schulpflichtige Mädchen. Etwa 1.700 lernen derzeit Deutsch in den vom Land eingerichteten Sprachförderkursen. 900 davon nehmen an einem Intensivkurs Deutsch (24 Wochenstunden) teil.

Das Problem: Ressourcen für individuelle Förderung fehlen

Ein Teil der Schülerinnen und Schüler ist inzwischen im Regelunterricht angekommen; an den Gymnasien - so ergeben Umfragen des Philologenverbands - sind es durchschnittlich etwa zehn pro Schule. Sorgen bereitet hier, wie die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert werden können. Die Heterogenität werde - so moniert eine Gymnasiallehrerin von einer Integrierten Gesamtschule - immer größer, sodass sich Kolleginnen und Kollegen zurückzögen, weil die Aufgaben nicht mehr zu bewältigen seien und jegliche Unterstützung fehle.

Die Erfahrungen der 22 an der Tagung teilnehmenden Lehrkräfte aus allen Regionen des Landes bestätigen grundsätzlich, dass die erworbenen Deutschkenntnisse der Flüchtlingskinder bei weitem nicht ausreichen, um im regulären Unterricht folgen zu können oder um schriftliche Hausaufgaben oder Klausuren in deutscher Sprache zu bewältigen. Die zusätzlichen, seitens des Landes angebotenen Sprachförderkurse in den Osterferien sind zwar begrüßenswert, letztlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Zwar gibt es vereinzelt hoffnungsvoll stimmende Beobachtungen wie gute Kenntnisse im Fach Mathematik bei einigen Syrern, bei einem großen Teil der Kinder aus den Bürgerkriegsgebieten muss aber konstatiert werden, dass sie in den letzten Jahren gar keine Möglichkeit hatten, regulär eine Schule zu besuchen. Neben der Sprachbarriere sind also in vielen Fällen auch fachliche Defizite ein gravierendes Problem.

Lösungsstrategien

Was würden Sie machen, wenn Sie beliebig viel Geld hätten? - Diese Frage leitete die Suche nach Lösungsstrategien für die Flüchtlingskinderbeschulung ein.

1. Personelle Ressourcen schaffen bzw. nutzen

76 unbefristete Stellen sind über alle Schularten hinweg zusätzlich für die Beschulung von Flüchtlingskindern geschaffen worden; auf das Gymnasium sind davon lediglich sechs entfallen, obwohl gerade hier qualitativ die größten Herausforderungen zu meistern sind. Es gibt also erheblichen Nachholbedarf bei der Schaffung von Planstellen für Gymnasiallehrkräfte.

Für die Sprachkurse an den Schulen, die zur Hochschulreife führen, wäre erforderlich, dass sie von Lehrkräften mit der Zusatzqualifikation „Deutsch als Zweitsprache“ oder „Deutsch als Fremdsprache“ unterrichtet werden. Es kann nicht sein, dass qualifizierte Lehrkräfte vor Ort sind - immerhin gibt es über 500 mit der Zusatzqualifikation im Land -, aber nicht eingesetzt werden. Sie erteilen ausschließlich regulären Unterricht, während man für die Sprachkurse oftmals nicht auf Lehramtsabsolventen zurückgreift, sondern befristete Arbeitsverträge im Niedriglohnsektor abschließt.

Der Bildungsausschuss des Philologenverbands empfiehlt ferner die Schaffung von Lernpatensystemen, in die Lehrkräfte, Schülerschaft und Eltern eingebunden werden könnten.

2. Strukturelle Voraussetzungen schaffen

Die von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, angedachte Einführung einer Migrantenquote - diskutiert werden maximal 35 Prozent pro Klasse - muss im Rahmen von Bemühungen verstanden werden, Integration zu bewältigen und Leistungsabfall zu verhindern. An den Gymnasien in Rheinland-Pfalz lässt sich wegen der noch überschaubaren Zahl an Flüchtlingskindern eine ausgewogene Verteilung auf die verschiedenen Klassen von der Schulleitung vor Ort ohne Quotenfestlegung regeln.

Soll individuelle Förderung von Flüchtlingskindern gelingen, muss vor allem bei einer Verkleinerung der Klassen angesetzt werden. Dass am Gymnasium noch immer die Klassenmesszahl bei 30 liegt, ist bei ständig steigender Heterogenität der Schülerschaft kontraproduktiv. Die bereits versprochene Absenkung des Klassenteilers auf 25 ist nicht nur überfällig, sondern in dem neuen Kontext dringend geboten. Der Philologenverband fordert dies vehement auf Landes- und Bundesebene.

3. Vorhandene Strukturen nutzen

Stefan Mischo vom Staatlichen Eifel-Gymnasium Neuerburg wies auf der Tagung darauf hin, dass es Schulen gebe, die die erforderlichen Strukturen für eine sprachliche Integration anbieten könnten. Seine eigene Schule wirbt beispielsweise mit gezielter Förderung, Binnendifferenzierung und sprachsensiblem Fachunterricht, also mit Strukturen, die aufgrund der über Jahrzehnte geleisteten Beschulung der Kinder von Spätaussiedlern aus Russland entstanden sind: Ein einjähriger Deutschkurs führe zum Sprachniveau B1 bis B2, anschließend gebe es die Möglichkeit, die Aufbauklasse des Gymnasiums (10 A1) zu besuchen. Den Kurs Englisch als Anfangssprache gebe es in der Jahrgangsstufe 11. Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter von 15 bis 19 Jahren wäre das angegliederte Internat ideal und zudem die Kosten in Höhe von 270 € / Monat mit Vollpension überschaubar und ggf. über BaföG finanzierbar. Eine Zuweisung der entsprechenden Schülerklientel sollte gezielt an derartige Schulstandorte erfolgen.

4. Hinführung zum Schulabschluss - Netzwerke ausbauen

Bei allen Bemühungen an unseren Gymnasien wird damit zu rechnen sein, dass nach dem Einsetzen der erforderlichen Benotung im Regelunterricht nach einem individuell flexiblen Zeitfenster viele Flüchtlingskinder eine andere Schullaufbahn einschlagen werden. Übergeordnetes Ziel muss es aber sein, allen Kindern und Jugendlichen einen Schulabschluss zu ermöglichen. Der Bildungsausschuss empfiehlt zu diesem Zweck, bereits bestehende Netzwerke auszubauen. Die Kooperation in Sachen Berufsorientierung sollte insbesondere mit Berufsbildenden Schulen, mit Handwerks- und mittelständischen Gewerbe- aber auch mit größeren Industriebetrieben erfolgen.

Theatermittel kürzen = Bildungsmittel kürzen

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Actio: Dem Neuwieder Schlosstheater drohte zu Jahresbeginn das Aus: Das Land wollte seine Zuschüsse für das laufende Jahr um 50.000 € kürzen und in 2018 noch einmal um 100.000 €. Der Staatssekretär im Wissenschaftsministerium, Prof. Dr. Salvatore Barbaro, hatte bereits am 06. Januar 2017 im SWR-Fernsehen die vorgesehenen Kürzungen mit Hinweis auf die Notwendigkeit struktureller Veränderungen gerechtfertigt.

Reactio: Auch wenn seit seinem Amtsantritt im Mai 2016 sein Ministerium vom „Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur“ (MBWWK) abgetrennt wurde und sich nicht mehr „Bildungsministerium“ nennt, darf es natürlich nicht sein, dass kulturelle Angebote, die für Bildung relevant sind, auf die Streichliste kommen.

Aus diesem Grund ergriff der Philologenverband die Initiative, um das Theater zu unterstützen. Unter anderem erschien in der Rhein-Zeitung am 10.01.2017 folgender Leserbrief:

„Gefährdet“

Nicht genug, dass das Bildungsministerium mehr als 300 Stellen bei den Lehrkräften abbaut, obwohl noch immer Unterricht ausfällt; jetzt gefährdet es auch die Existenz des Schlosstheaters in Neuwied. Muss man hier Geld einsparen, das die Landesregierung der KPMG-Wirtschaftsprüfungsgesellschaft für deren Expertisen zum Flughafen Hahn gezahlt hat? Ist man sich im Bildungsministerium überhaupt darüber bewusst, dass man mit dieser Kürzung auch die Unterrichtsqualität an vielen Schulen im nördlichen Rheinland-Pfalz angreift? Lektüre aus dem Deutschunterricht auf der Bühne zu sehen, hinterlässt nachhaltige Eindrücke bei Schülern. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen - den Vorhang zu und alle Fragen offen“ gilt dabei vielleicht bei Bertolt Brecht, nicht aber wenn die Schauspieler und der Intendant Walter Ullrich nach der Vorstellung für Fragen den Schulgruppen zur Verfügung stehen.

Ralf Hoffmann, Nauort

Conclusio: Erfreulicherweise kam bereits am 12. Januar die Kehrtwende: Man verzichtet auf die vorgesehenen Kürzungen und sichert damit die Existenz des Schlosstheaters. Der Philologenverband freut sich über den Erfolg und begrüßt die Entscheidung ausdrücklich: Engagierten Lehrerinnen und Lehrern bleibt ein für den Unterricht relevantes Exkursionsziel erhalten; sie können ihre Lerngruppen nun weiterhin an diesen interessanten außerschulischen Lernort nach Neuwied führen.

Jungen Flüchtlingen Bildungswege weisen

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

Wenn vor den Türen eines Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Troisdorf rund 20 junge Flüchtlinge stehen, die keine Behörde geschickt hat, sondern die ganz von allein auf die Idee gekommen sind, sich bei der Schule zu melden, dann macht das nachdenklich. Es macht einerseits Hoffnung, weil hier Jugendliche ihren Integrationswillen zeigen und sich aktiv und selbstbewusst um ihre schulische Laufbahn kümmern, andererseits zeigt es das Versagen der Kultusbürokratie, die angesichts der vielen jungen, schulpflichtigen Flüchtlinge völlig überfordert ist. Die Zuständigkeiten für eine Schulzuweisung sind unklar, die Konzepte für eine Beschulung im Regelunterricht völlig unzureichend. Für diese chaotische Situation in Nordrhein-Westfalen die Federführung der Grünen im Bildungsressort als Ursache zu sehen, wäre aber zu monokausal betrachtet.

Auch in Rheinland-Pfalz arbeitet man immer wieder aufs Neue damit, die Verantwortung an die Schulen zu delegieren, natürlich zum Nulltarif. Was hier zu tun ist, bleibt letztlich der jeweiligen Schulleitung überlassen. Vor Ort gelingt es aber oft nicht einmal, die Bildungskarrieren der Flüchtlingskinder zu rekonstruieren – Zeugnisse aus den Herkunftsländern liegen in den wenigsten Fällen vor. Von den derzeit 415.300 Schülerinnen und Schülern in Rheinland-Pfalz im aktuellen Schuljahr 2016/17 haben nach Angaben des Statistischen Landesamtes 80.300 (19,4%) einen Migrationshintergrund (plus 1,5% im Vergleich zu 2015/16). Bei einem großen Teil von ihnen bleibt es zunächst dem Zufall überlassen, ob sie an der Schulart unterrichtet werden, die ihrer Begabung und ihrem Leistungsvermögen entspricht, weil standardisierte Eignungstests fehlen.

Erst Deutsch lernen

Immerhin ist unumstritten: Das Erlernen der deutschen Sprache steht am Anfang im Mittelpunkt des schulischen Lebens der Neuankömmlinge. Für Schülerinnen und Schüler ohne Deutschkenntnisse leisten die Deutsch-Intensivkurse mit Prüfungen auf verschiedenen Niveaus (A1 bis C2) über den Spracherwerb einen wichtigen Integrationsbeitrag.

Weil in Rheinland-Pfalz die jungen Flüchtlinge soweit möglich in den Regelunterricht integriert werden sollen, gibt es hier ein gestaffeltes System: Je nach Deutschkenntnissen ist eine Förderung von zwei oder vier Stunden oder in Kursen mit fünf bis 14 bzw. im Deutsch-Intensivkurs mit 15-20 Wochenstunden vorgesehen.

An den Gymnasien in Rheinland-Pfalz wurde am Ende des vergangenen Schuljahres für 1.311 schulpflichtige Flüchtlingskinder Deutsch-Förderunterricht erteilt.

Die Kritik des Philologenverbands Rheinland-Pfalz

Für die Lehrkräfte, die mit den jungen Flüchtlingen Deutsch lernen, ist keine Qualifikation erforderlich. Viele unterrichten mit Zeitverträgen zu Hungerlöhnen. Für hunderte arbeitsloser Gymnasiallehrkräfte mit Zweitem Staatsexamen im Fach Deutsch gibt es deswegen keine Hoffnung auf neue Planstellen für diese wichtige Aufgabe. Wegen der „Schuldenbremse“ wird weiter an der völlig falschen Stelle gespart. Selbst Lehrkräfte mit Zusatzzertifikat „Deutsch als Zweitsprache (DAZ)“ oder „Deutsch als Fremdsprache (DAF)“ kommen kaum zum Einsatz; für sie ist lediglich über alle Schularten hinweg ein Pool von landesweit zunächst 50 Planstellen geschaffen worden. Da die meisten Flüchtlingskinder an Grundschulen, Realschulen plus und Berufsschulen unterrichtet werden, ist der Anteil der gymnasialen Planstellen verschwindend gering.

Gymnasiale Perspektiven nicht unmöglich, aber schwierig

Viele junge Flüchtlinge befinden sich derzeit noch in Deutsch-Intensivkursen. Bereits im kommenden Schuljahr 2017/18 wird aber die Zahl derer, die nicht mehr nur in einzelnen Stunden, sondern komplett im Regelunterricht beschult werden, erheblich steigen.

In der Regel reichen die bis dahin erworbenen Deutschkenntnisse nicht aus, um schriftliche Klausuren am Gymnasium erfolgreich bewältigen zu können. Das Aussetzen der Noten über einen gewissen Zeitraum ist dann natürlich eine schulordnungskonforme pädagogische Möglichkeit; besorgniserregend ist aber, wenn dieses Mittel an den ersten Gymnasien auch langfristig - über mehrere Schuljahre hinweg - schon als beschlossene Sache gilt. Eine solche Vorgabe kann leicht Gerechtigkeits- und Motivationsprobleme in immer heterogener werdenden Lerngruppen provozieren. Man kann außerdem nur hoffen, dass die Flüchtlingskinderbeschulung nicht als Vorwand missbraucht werden wird, um die Forderung „eine Schule für alle ohne Benotung“ aus der bildungspolitischen Mottenkiste herauszuholen.

Ein weiteres Problem: Eine individuelle Förderung junger Flüchtlinge, die keine oder nur eine unzureichende Schulbildung aus ihren Herkunftsländern mitbringen, kann nicht deren Defizite in dem für einen gymnasialen Erfolg erforderlichen Umfang beseitigen, zumindest nicht in dem vorgegebenen engen schulischen Zeitfenster.

Junge Flüchtlinge ziel- und kompetenzorientiert zur Berufsreife führen

Es wird nach dem Absolvieren der Deutsch-Kurse im schulischen Alltag immer wieder darum gehen, den jungen Flüchtlingen Perspektiven aufzuzeigen, und zwar über die Versetzung am Schuljahresende hinaus.

Nichts wäre schlimmer als hunderttausende integrationswilliger junger Menschen nach zwei Jahren intensiven Erlernens der deutschen Sprache nicht zu einem Schulabschluss führen zu können. Die dann zu erwartende Arbeits- und Perspektivlosigkeit wäre nämlich der Nährboden für islamistischen Extremismus.

Wenn man also eine sich radikalisierende Parallelgesellschaft in Deutschland verhindern will, wenn man stattdessen will, dass Integration - auch in den Arbeitsmarkt - gelingt und die überalterte Gesellschaft in Deutschland von Migration profitiert, dann muss man die Kinder und Jugendlichen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, verantwortungsbewusst führen.

Dringend geboten ist also die Hinführung zu einem Schulabschluss, und zwar zu einem Schulabschluss, der zur Berufsreife führt. In Nordrhein-Westfalen hat das Ministerium für Schule und Weiterbildung diese Aufgabe an die Kommunen delegiert. So bietet z.B. die Stadt Bonn jungen Menschen mit Migrationshintergrund außerschulische Prüfungen zum Erwerb des Hauptschulabschlusses an. Prüfungen zum qualifizierten Abschluss der Sekundarstufe I führen die Bezirksregierungen durch.

Die Hinführung von Flüchtlingskindern zum Abitur und zum Hochschulstudium ist wegen der von Jahr zu Jahr problematischeren Akademikerschwemme in Deutschland nicht anzustreben. Der kürzeste Weg in den Beruf wird den Kompetenzen der meisten Flüchtlingskinder eher gerecht als die Vorbereitung auf eine akademische Laufbahn; zudem kann die Chance genutzt werden, endlich wieder Lehrstellen besetzen zu können und Handwerker zu gewinnen, die in absehbarer Zeit in Deutschland dringend benötigt werden.

Wegweisende Instrumentarien in Rheinland-Pfalz ausbauen

In einer Zeit, in der binnen zwei Jahren 1,5 Millionen Asylantragsteller nach Deutschland gekommen sind, ist es unerlässlich, bildungspolitisch in den Bundesländern und über deren Grenzen hinweg vorausschauend und verantwortungsbewusst zu agieren. Das verlangt nach Konzepten (z.B. Unterrichtsprogramme für Lerngruppen mit Schülerinnen und Schülern mit Migrationserfahrung oder Lernprogramme für den individuellen Förderunterricht), nach klaren Vorgaben und nach Investitionen im Bildungsbereich.

In Rheinland-Pfalz sollte das Projekt „Keiner ohne Abschluss“ auf die Flüchtlingskinder ausgeweitet werden. Hier werden erhebliche personelle und materielle Kraftanstrengungen erforderlich werden. Entlastungsstunden für die in dem Bereich engagierten Lehrkräfte reichen alleine nicht aus; es bedarf neuer Plan- und Funktionsstellen zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben.

Das Aus- und Fortbildungsangebot des Pädagogischen Landesinstitutes für Lehrkräfte muss in zweifacher Hinsicht erheblich ausgebaut werden: Erforderlich sind einerseits wesentlich mehr Lehrgänge „Deutsch als Zweitsprache“ und andererseits die Ausbildung von Lehrkräften für den stark beworbenen „muttersprachlichen Unterricht“. Um hier ein flächendeckendes Angebot machen zu können, reichen die landesweit knapp 150 Lehrkräfte für alle Herkunftssprachen der Migrantinnen und Migranten bei weitem nicht aus.

Bildungsministerin Stefanie Hubig will die „Potenzialanalyse“, die ja zur Kompetenzfindung für jugendliche Schülerinnen und Schüler beitragen soll, in allen siebten Klassenstufen etablieren. Für Flüchtlingskinder könnte im Hinblick auf deren berufliche Orientierung eine modifizierte Potenzialanalyse sinnvoll sein. Eine Anpassung an die neue Zielgruppe müsste allerdings sehr schnell, in den nächsten sechs Monaten, geschehen. Eine Potenzialanalyse an den Gymnasien sieht der Philologenverband kritisch, weil die Einführung immer neuer Instrumentarien die Kontinuität des Unterrichtens unterbricht. Die Gymnasien leisten im Rahmen der Berufs- und Studienberatung bereits jetzt Beachtliches.

Deutscher Philologenverband zur Beschulung von Flüchtlingskindern

Der Bildungspolitische Ausschuss des Deutschen Philologenverbands (DPhV) hat sich auf seiner Herbsttagung 2016 in Königswinter intensiv mit der Beschulung von Flüchtlingskindern befasst und Positionen formuliert. Auf dieser Grundlage fordert er im Kern Folgendes:

• eine zentrale bildungsbiographische Ersterfassung,

• die Feststellung der Eignung für eine bestimmte Schullaufbahn,

• die Einrichtung von Vorbereitungsklassen zum Erwerb der deutschen Sprache mit maximal 12 Schülerinnen und Schülern, die von ausgebildeten Lehrkräften geleitet werden müssen (insbesondere von Lehrkräften mit DAZ- oder DAF- Zusatzqualifikation),

• eine sukzessive Integration der Flüchtlingskinder in den Regelunterricht mit individueller Förderung und regulärer Benotung und einer Klassenmesszahl für solche Lerngruppen von maximal 25

• und ein Nachdenken über den Erwerb eines Schulabschlusses auf alternativen Wegen für Flüchtlingskinder, deren Beschulung im Regelunterricht nicht zielführend ist.

Handwerk trifft gymnasiale Bildung

Gemeinsame Presseerklärung des Philologenverbands Rheinland-Pfalz und der Handwerkskammer Trier

Eines haben akademische Bildung und berufliche Bildung gemeinsam: Sie sind hochgradig gefährdet, so die Einschätzung von Manfred Bitter, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier, und Ralf Hoffmann, Bildungsreferent des Philologenverbands Rheinland-Pfalz. Bitter, Gastreferent beim Bildungsausschuss des Philologenverbands, löste mit seinen Ausführungen am 4. April in Mainz eine lebhafte und ertragreiche Diskussion aus.

Die Diagnose:

Das Abitur verliert in vielen Bundesländern neben anderen Schulabschlüssen immer mehr an Aussagekraft und Wertigkeit aufgrund von immer weiter nach unten angepassten Anforderungen und wegen Notendumpings. Bei einer Abiturientenquote von fast 60 Prozent gilt eben nicht mehr der Automatismus „das Beste fürs Kind ist Abitur, dann Studium, dann ein gut bezahlter Akademiker-Job“. Teilzeitbeschäftigung, befristete Arbeitsverträge und prekäre Einkommen von unter 10 € brutto pro Stunde sind bereits jetzt keine Seltenheit mehr bei Absolventen eines akademischen Studiums. Hinzu kommt: Das Geldverdienen beginnt bei diesem Personenkreis oft erst mit 27 oder 28 Jahren.

Eine Gleichwertigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung ist bislang aber weder in den Köpfen von Schülerinnen und Schülern noch von Eltern angekommen, obwohl die hiesige duale Ausbildung mit der Fortbildungsmöglichkeit zum Meister international anerkannt ist. Für das Handwerk droht eine Abwärtsspirale: quantitativ immer weniger Lehrstellenbewerber, qualitativ immer schwächere Bewerber, schwache Gesellen, schwache Meister, fehlender qualifizierter Unternehmernachwuchs. Eine Kernherausforderung ist also eine qualifizierte Lehrlingsausbildung; Meister fallen nicht vom Himmel.

Die Therapie:

Eine Imagekampagne zugunsten einer dualen Ausbildung mit Berufsinformationsveranstaltungen muss an den allgemein bildenden Schulen intensiviert werden, allerdings unbürokratisch und ohne Detailvorschriften, die die Schulen in ein enges Korsett schnüren. Erste bildungspolitische Weichenstellungen in Richtung der Wertschätzung auch der beruflichen Bildung sind in Rheinland-Pfalz zwar erfolgt, falsche Leitbilder müssen aber noch korrigiert werden: Wir brauchen wieder mehr neue Lehrverträge als Studienanfänger. „Abitur für alle“ darf nicht zum Motto werden, „Chancengerechtigkeit für alle, auch für die praktisch Begabten“, sollte die Devise lauten.

Mit dieser Positionierung üben Handwerkskammer und Philologenverband einvernehmlich erneut Kritik an der OECD und an deren Thesen, die Akademikerquote in Deutschland sei zu niedrig und eine duale Ausbildung sei ein sozialer Abstieg.

Verantwortung für künftige Generationen übernehmen heißt, realistische Zukunftsperspektiven aufzeigen. Hier bedarf es der Einsicht, dass nicht für jedes Kind ein Studium empfehlenswert ist; eine duale Ausbildung bietet quasi eine Beschäftigungsgarantie und damit berufliche Sicherheit. Die Durchlässigkeit der Bildungswege ist eine wertvolle Hilfe, immer wieder Richtungsänderungen auf den Bildungswegen verantwortungsbewusst vorzunehmen.

Bei der Integration von Flüchtlingen gilt es zu berücksichtigen: Insbesondere für diese Zielgruppe muss eine Ausbildung attraktiver gemacht werden als ein Minijob mit 8,50 € Mindestlohn, ansonsten wird man hier kaum neue Lehrlinge gewinnen können, sondern eine milliardenschwere Belastung für die staatlichen Sozialsysteme und damit für den Steuerzahler vorprogrammieren.

Für alle Bildungs- und Ausbildungslaufbahnen sollte klar sein: eine Anstrengungskultur muss wiederbelebt und eingefordert werden.

„Vera-8“ - Zumutung oder Lachnummer?

von Ralf Hoffmann, Bildungsreferent

„Dieses Jahr ist Deutsch dran gewesen“

Alles beginnt bei der diesjährigen Vergleichsarbeit für die Klassen 8 - kurz „Vera-8“ genannt - mit einer 8-seitigen Anleitung, die den Lehrkörper mit der Durchführung des Tests vertraut machen soll. Hierin ist genau vorgeschrieben, in welchem Wortlaut - und hierfür bedarf es 423 Wörter - die Arbeitsanweisungen in der Klasse vorgelesen werden müssen. Die Lehrkraft tut gut daran, sich nicht über eine totalitäre Vereinnahmung zu ärgern, sondern sich z.B. auf ein Rollenspiel einzulassen und den Statisten zu geben, der roboterhaft Anweisungen ausführt und dementsprechend seinen Text abspult. In der Praxis sorgt eine solch pervertierte Lehrer-Karikatur für Amüsement bei der Zielgruppe, und wir gehen dabei einmal von einer durchschnittlichen, 28-köpfigen gymnasialen Lerngruppe aus.

Extrem fragwürdige Kompetenztestung für Schülerinnen und Schüler

Wer sich in hoffnungsvoller Erwartung auf eine Musterklausur gefreut hat, die endlich kompetenzorientiert ist, weil sie die nationalen Bildungsstandards berücksichtigt, dem sei gesagt: Obacht!

Man sollte da einmal überdenken, ob 270 Ankreuzmöglichkeiten im Multiple-Choice-Stil tatsächlich Aufschlüsse z.B. über kommunikative Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler geben können. Selbstständiges Schreiben (kreativ, reflektierend oder kommunikativ) wird in dem Test nicht verlangt; und wenn einmal ganze Sätze formuliert werden müssen, reicht es oftmals aus, Passagen aus dem vorgegebenen Arbeitsmaterial abzuschreiben und in die etwa 60 dafür vorgesehenen Textlücken einzufügen.

Insofern ist es den Deutsch-Lehrkräften dringend geboten, den Hinweisen auf den Seiten des Bildungsservers Rheinland-Pfalz zu folgen und den Test „Vera 8“ nicht als Klassenarbeit zu gebrauchen; er taugt überhaupt nicht als Bewertungsgrundlage für die Notenvergabe, ist er doch auch in keiner Weise mit dem Deutschunterricht verknüpft. Bei einer nicht repräsentativen Stichprobe (100 Schülerinnen und Schüler) hat sich außerdem eine fehlende Trennschärfe gezeigt: Sehr gute und sehr schwache Leistungen sind fast nicht vorgekommen; über 90% der Schülerinnen und Schüler haben zwischen 45 und 70% der Aufgaben gelöst.

Mit Medienkompetenz kommen die Prüflinge nur insofern in Berührung, als das einzig zulässige Hilfsmittel „ein schwarzer oder dunkelblauer Stift“ ist (Durchführungserläuterung zu Vera-8, Seite 2). Der Duden darf nicht etwa, wie es ansonsten bei Klassenarbeiten in Rheinland-Pfalz üblich ist, zu Korrekturzwecken verwendet werden. Unberücksichtigt bleiben in diesem Zusammenhang auch bestehende Vereinbarungen zu einem Nachteilsausgleich. Sämtliche Inklusionsbemühungen konzentrieren sich in dem Test auf ein Kreuzchen im Schülererfassungsbogen, das die jeweilige Lernbehinderung angibt.

Möglicherweise unbeabsichtigte Kompetenztestung für Lehrkräfte

Ganz anders sieht das bei den Lehrkräften aus. Auch wenn es zunächst eine 19-seitige Auswertungsanleitung für den Test gibt, die wenig Spielraum für die Überprüfung eigener Kompetenzen zu geben scheint – bei Lehrerinnen und Lehrern sind Kompetenzen im Rahmen der Korrekturen gefragt:

Verdeutlichen wir uns dies unter Rückgriff auf die eingangs erwähnte Gymnasialklasse: Es warten unter den gegebenen Umständen 644 Korrekturseiten mit rund 1.700 Textelementen und 7.560 Ankreuzmöglichkeiten auf die Deutschlehrerin bzw. den Deutschlehrer. Die in der Auswertungsanleitung vorgesehene Verschlüsselung (1 = richtig, 2 = falsch, 3 = nicht beantwortet) ist zunächst manuell (Kuli, Auswertungsbogen) und dann digital (Online-Eingabemaske beim „Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung“ an der Uni Koblenz-Landau) zu bewältigen. Die Erfordernis medialer Kompetenz – unter anderem schon beim passwortgeschützten Einloggen – ist offensichtlich.

Wenn gut zwölf Stunden zusätzlicher, unbezahlter Korrekturaufwand bevorstehen, erweisen in der Praxis möglicherweise zwei weitere Kompetenzen hilfreiche Dienste: Mittels Führungskompetenz könnte man einen Teil der Korrekturarbeit in die Fachschaft Deutsch verlagern, denn die soll ja auch anschließend auf der Basis der Testauswertung kooperativ Unterricht entwickeln. Gegebenenfalls kann man aber auch auf der in vielen Kollegien vorhandenen hohen Sozialkompetenz aufbauen, die dann nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“ für eine entsprechende Entlastung beim Korrigieren sorgt.

Gut auch, wenn man mehr organisatorische Kompetenz aufweist als die Macher der Korrekturvorlage. Weil hier die Seitenumbrüche andere sind als in den Schülerbögen, braucht es Kolleginnen und Kollegen, die sofort messerscharf erkennen, dass es arbeitseffektiver ist, zunächst die vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) angebotenen Korrekturvorlagen entsprechend zurechtzuschneiden und neu zu kopieren, damit man sie dann neben die Schülerbögen legen kann und somit Übertragungsfehler vermeidet.

Kommunikative Kompetenz können schließlich Lehrkräfte zeigen, wenn sie auf die Äußerung eines Schülers „Warum korrigieren das nicht die Leute, die kein besseres Hobby haben?“ eine angemessene Antwort geben.

Fazit

Schwer einzuschätzen, ob die Alternative - den Test nach seiner Auswertung zu entsorgen oder den Schülerinnen und Schülern zurückzugeben - den Lehrkräften, die ihre Arbeitszeit dafür investiert haben, komisch, absurd oder zynisch erscheint.

Positiv nur, dass es Vera-8 in Rheinland-Pfalz verpflichtend für jedes Hauptfach nur noch in dreijährigem Turnus gibt und nicht mehr jährlich, wie es noch in einigen anderen Bundesländern der Fall ist. Zu dieser Veränderung hat sicherlich auch die stets fundamentale Kritik des hiesigen Philologenverbands beigetragen.

Eine neue Aufgabe, die das IQB an der Humboldt-Universität zu Berlin ins Auge fasst, ist eine Evaluierung der zentralen Teile der Abiturprüfung. - „Nachtigall, ick hör dir trapsen“ … mangels eigenen Personals im Institut droht die Umsetzung solcher Vorhaben wieder auf Kosten der Zeit der Kolleginnen und Kollegen an den Schulen vor Ort, die mit Abiturprüfungen ohnehin schon zusätzlich belastet sind. Hier gilt den im Land Verantwortlichen der Appell: Wehret den Anfängen oder schafft nötige personelle Ressourcen, die sich dann solcher Zusatzaufgaben annehmen können.